Türkeiwanderungen!


Vor dem Essen Füße waschen

Wandern hatte lange Zeit ein etwas angestaubtes Image und galt als typische Freizeitbeschäftigung für die ältere Generation. Heute wird es neu entdeckt. Der Kontakt mit „Wildnis“ und unberührter Natur als Gegenpol zur technisierten Alltagswelt ist Trend, gerade den Jüngeren sind aber auch die spirituellen und mentalen Eff ekte der Fortbewegung zu Fuß wichtig . So erlebte zum Beispiel der traditionelle Jakobs-Pilgerweg eine ungeahnte Renaissance.

Helmut Kesting kennt die schönsten europäischen Wanderrouten aus eigener Erfahrung. Der Lykische Pfad zwischen Fethiye und Antalya zählt zu seinen Favoriten. Sportlich war der inzwischen 75-Jährige immer schon, trainierte neben seinem Beruf Jugendliche im Judo und war mit ihnen viel unterwegs – leider ohne seine Frau Rosemarie. Mit ihr verbindet ihn unter anderem die gemeinsame Liebe zur Natur und so wurde das Wandern bereits vor über 40 Jahren für beide zu einer Möglichkeit, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Aus purer Neugier auf Unbekanntes buchten die Kestings 1994 Türkei, eine ganz normale Pauschalreise, und waren von dem Land fasziniert. Natürlich verbrachten sie auf ihren Türkeireisen ihre Tage nicht am Strand, sondern in den Bergen und auf Wanderpfaden, erkundeten auf eigene Faust die Schwarzmeerküste und Kappadokien. Von Bekannten erfuhren sie vom Likya Yolu, dem erst vor kurzem eröffneten Lykischen Pfad, und bekamen das 2000 erschienene Buch der Britin Cate Clow empfohlen. Die Beschreibungen und das Kartenmaterial Clows dienten den Kestings als Reisevorbereitung. Der Rucksack war dank langjähriger Erfahrung schnell gepackt. „Da wir aber nicht wussten, was uns erwarten würde, haben wir zusätzlich einen Schlafsack mitgenommen. Übernachtet haben wir vorwiegend bei Einheimischen, manchmal auch in einer kleinen Pension, wenn unser Weg uns durch eine Ortschaft führte. Wenn wir mit unseren schweren Rucksäcken abends in ein Dorf kamen, wurden uns auf Nachfrage ein Nachtlager und Essen angeboten“, erinnert sich Helmut Kesting. Nach über 10 Jahren Türkeierfahrung reichten mittlerweile die Sprachkenntnisse auch aus, um im Zweifelsfall nach dem richtigen Weg fragen zu können. Unterwegs begegneten die Kestings kaum anderen Wanderern, lernten aber mancherlei über die Sitten und Gebräuche ihrer Gastgeber: „Zu später Stunde kamen wir in ein kleines Dorf in den Bergen oberhalb von Kas. Ein Dorfbewohner bot uns eine Übernachtungsmöglichkeit bei sich zu Hause an. Wir waren sehr froh über dieses Angebot und folgten dem Mann in sein Haus. Natürlich wussten wir, dass man vor dem Betreten eines türkischen Hauses die Schuhe ausziehen muss. Aber der Mann war damit nicht zufrieden und zeigte mehrmals auf unsere Füße. Zunächst verstanden wir nicht, aber als er dann auch auf ein Waschbecken wies, begriffen wir. Wir sollten uns die Füße auch noch waschen! Danach durften wir in die gute Stube und bekamen ein schmackhaftes Abendessen.“ Mit der zunehmenden Bekanntheit des Lykischen Pfades unter europäischen Wanderern verbessern sich auch die Übernachtungsmöglichkeiten. Der Weg selbst ist durchgehend markiert und wird alle vier Jahre kontrolliert. Anfängern würde Kesting die 509 km lange Strecke dennoch nicht empfehlen, denn sie führt teilweise bis zu 1800 m hoch über Berge und Pässe. Herrliche Ausblicke, reizvolle Örtchen, eine wunderschöne Berglandschaft, die Vielfalt der Pfl anzenwelt und zahlreiche im Wald versteckte und einsam gelegene antike Stätten entschädigen für die Strapazen. Helmut Kesting und seine Frau teilen ihre Leidenschaft für die Türkei und den Lykischen Pfad gerne mit anderen. Seit mehreren Jahren verbringen sie jeden Winter im majesty Mirage Park Resort in Göynük und wandern mit Interessierten auf Teilstrecken des Lykischen Wegs und in der Umgebung von Kemer. Sie haben dort bereits eine kleine deutsche Fangemeinde und Kesting unterhält eine eigene Internetseite: www.tuerkeiwanderungen. de. Dort gibt er einen Überblick über seine aktuellen Wanderrouten mit zahlreichen Fotos. Der Jakobsweg sei ihnen derzeit zu überlaufen, deshalb sind die Kestings ihn noch nicht gegangen, aber in der Türkei kennen sie sich aus. Wandernden Türkeiliebhabern empfiehlt Helmut Kesting außerdem „Kappadokien, die Schwarzmeerküste und die antiken Kulturstätten der Ägäis“. Auch Spezial-Anbieter entdecken inzwischen die Türkei als reizvolles Wanderziel. So hat zum Beispiel der österreichische Wanderspezialist Krauland sein Wanderprogramm in der Türkei erweitert. Gemeinsam mit ÖGER TOURS bietet er im Winter 2011-12 Erlebnis-Wanderwochen in Alanya und Side an. Ab April sind außerdem Wanderwochen in Bodrum, Kemer und Fethiye und eine Wanderrundreise in Kappadokien im ÖGER TOURS Programm. Auch hier stehen nicht sportliche Höchstleistungen im Vordergrund, sondern das Erlebnis von Natur, Kultur und Land und Leuten.

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